Eurovision Song Contest 2008

Nachdem ich aus den News erfahren habe, dass Deutschland den letzten Platz belegt hat. War ich doch sehr daran interessiert, wie es dazu kam und was die anderen Länder so für Songs brachten. In dieser Woche habe ich mir nun die Aufnahme angesehen und währenddessen ein paar Notizen gemacht.

  • Rumänien startet als erstes mit einer wunderbaren Ballade. Sehr klassisch vom Gesang her erinnert das Stück schon fast an eine Liebesgeschichte aus einem Musical oder so. Auf jeden Fall hat es Stil und Gefühl. Besonders die Überleitung zwischen Vers und Refrain ist nicht Mainstream sondern enthält eigene Ideen und macht den Break dazu zu einer wahren Unterbrechung und einer Aufforderung zum zuhören.
  • Das Vereinigte Königreich brachte so ein bisschen Latin mit. Nach einem guten Start erinnert der Refrain dann aber doch schon wieder eher an Mainstream. Das Stück an sich enthält keine großen Überraschungen und fordert lediglich dazu auf, Party zu machen. Für meinen Geschmack nicht besonders gelungen.
  • Albanien war interessant und vermittelte am Anfang ein Gefühl von 6 gegen 4. Cool gemacht, denn im folgenden hatte man mal das Gefühl eines 4/4 Taktes und dann doch wieder 6/4, auf den sich das Stück spätestens Ende des ersten Refrains einpendelte. Leider hat die Sängerin das Stück etwas zerrissen, da sie nicht ganz sauber gesungen hat, evtl. wegen Monitorproblemen, was auch bei In-Ear-Monitoring nicht auszuschließen ist. Zum Schluss nannte der Moderator den Namen des Stücks: "Liebeskummer in Moll". Ich denke der Titel war musikalisch gut umgesetzt.
  • Deutschland kam mit den No Angels. Das Stück war ein typische Dance-Stück und hielt sich musikalisch ziemlich an Mainstream. Es hält sich größtenteils an eine einfach I-VI-V-IV Verbindung und wirkt daher schnell eintönig. Dazu kommt, dass es (passagenweise) sehr unsauber mehrstimmig gesungen ist, besonders die tiefe Stimme tanzt aus der Reihe. Aber auch bei den Einfällen oder den Soloparts haben sich die No Angels ziemliche Schnitzer erlaubt. Vielleicht kann man es auch hier auf das schlechte Monitoring schieben, aber gut war der Auftritt leider wirklich nicht: Langweiliges Lied schlecht intoniert. Für ein bisschen Unterhaltung vielleicht gut, aber für einen internationalen Wettbewerb eher ungeeignet.
  • Armenien hatte was fremdartiges, landestypisches mitgebracht. Die Frau hat gut gesungen, der Mann, der abschnittsweise für die zweite Stimme eingesetzt war, hat sich leider etwas schwer getan und war daher auch immer mal wieder unsauber. Obwohl etwas fremdartig verbreitet es mehr gute Laune als das Lied der No Angels.
  • Bosnien beginnt mit so was wie ner Beschwörung oder Rap oder so was. Auf jeden Fall interessant. Auch das Bühnenbild war ungewöhnlich inszeniert. Ungewöhnlich auch, dass man immer wieder auf lediglich zwei Akkorden rumreitet, unterbrochen lediglich durch einen Break hier und da. Also mal was ganz anderes, was mich aber nicht wirklich überzeugen kann. Dafür aber sauber intoniert.
  • Israel beginnt sehr fremdartig und auch durch den restlichen Vers und auch teilweise durch den Refrain zieht sich die für uns etwas leiernd klingende Singweise. Der Refrain ist dafür stark Mainstream Pop, aber hat trotzdem etwas und klingt nicht wie ein Bruch mit dem Rest des Liedes. Die Bridge erinnert dann doch wieder an die fremde Kultur aus der das Lied kommt. Insgesamt interessant und eher gut als schlecht denke ich.
  • Finnland kommt mit sehr harter Musik, die meinem Musikgeschmack einfach nicht entspricht, deswegen kann ich dazu nicht viel sagen. Es ist jedoch durchaus sehr professionell präsentiert und sauber intoniert.
  • Kroatien bringt was mit Bossa Nova Einflüssen mit. Das Lied ist geprägt von interessanten musikalischen und darstellenden Ideen. Auch hier könnte man ziemlich sicher die Region bestimmen aus der das Lied kommt. Der Gesang ist gut präsentiert und nahezu fehlerlos.
  • Polen bringt eine absolute Ballade. Auch wenn das Lied eher einfach gehalten ist, überzeugt die Sängerin doch mit einer brillanten, ausdrucksstarken Stimme, die perfekt intoniert jeden Ton trifft. Vom Gesang her hat mich dieses Lied am bisher am meisten überzeugt. Und auch wenn die musikalische Umsetzung stark Mainstream ist, so ist sie wenigstens gut und fehlerlos.
  • Island mit einem Song wie Bohlen in alten Zeiten. Ungefähr genauso gut oder schlecht wie damals, je nachdem wie man das sehen mag. Aber meiner Meinung wesentlich besser gesungen als er das damals gemacht hat. Ansonsten nichts ungewöhnliches oder überraschendes. Das Lied hält sich stark an die Standards.
  • Türkei hätte ich nicht so rockig erwartet. Interessant ist die Kombination der Harmonien. Auf eine solche Kreation würde man bei uns wohl eher nicht kommen. Außer einer guten Präsentation kann ich dem Lied aber nicht mehr abgewinnen.
  • Der Vortrag von Portugal erinnert an ein Musical oder ein Schauspiel. Sehr theatralisch vorgetragen. Irgendwie eine Mischung aus Sehnsucht und Abschied. Gut gesungen aber für unsere Breitengrade etwas zu traurig geraten. Trotzdem musikalisch nicht schlecht, sondern interessant und so gar nicht Mainstream.
  • Lettland kommt mit einer Uptemponummer die oftmals nicht gut intoniert ist und macht einen auf Piratennummer. Der Song macht zwar Stimmung ist aber von den Harmonien her keine große Überraschung und leckt oft an Ideen. Zudem ist er meiner Meinung nach stimmlich schlecht präsentiert. Außerdem hat er eine Bridge, in der man anscheinend musikalisch nichts umzusetzen weiß. Für mich eher ein mittelmäßiger Beitrag.
  • Schweden überrascht mich bisher am negativsten: Ein schlechter Song und auch noch schlecht präsentiert. Trotzdem hat er eine leicht einprägsame Melodie mit Ohrwurmcharakter. Wenigstens in der Mehrstimmigkeit passt es und es für den Wettbewerb verhältnismäßig sauber. Schön.
  • Dänemark erinnert mich irgendwie an Sascha. Aber der Song macht gute Laune und ist was anderes. Das finde ich sehr positiv. Musikalisch ist zwar auch dieser Song für seinen Stil irgendwie Standard, aber es stecken Ideen drin und das ist leider nicht bei allen Teilnehmern so. Außerdem ist die Bridge durchaus gelungen.
  • Georgien hat einen sehr interessanten Artikel im Gepäck. Klingt im Vers irgendwie etwas traurig und im Refrain dann sehr heroisch, ja fast schon kriegerisch. Das Lied hat Ohrwurmcharakter, obwohl es nicht die typischen Harmonien verwendet.
  • Die Ukraine bringt Danceeinfluss mit. Das Lied ist sehr modern und besteht im Vers lediglich aus einem einzigen Akkord. Ähnlich einfach ist der Refrain aufgebaut. In dem Song stecken nicht viele Ideen und somit ist er musikalisch nicht besonders interessant. Einzig die Show ist nicht schlecht.
  • Frankreich bringt einen kleinen Background Chor, der ein bisschen leiert. Ob gewollt oder nicht kann ich nicht beurteilen. Gibt dem Lied so ein bisschen Alter und Erfahrenheit. Musikalisch passiert zwar nicht viel, aber trotzdem ist es interessant. Lange hält die Begeisterung aber nicht an, da sich nicht viel ändert, so wird das Lied schnell langweilig. Insgesamt viel zu Ideenlos für einen Wettbewerb. Dementsprechend ist auch der Applaus eher verhalten.
  • Aserbaidschan hat einen sehr komischen Beginn. Musikalisch finde ich die Stimmen eher nervend als schön. Harmonisch bringt das Lied auch keine großen Überraschungen mit sich. Auch zwischendrin johlt der eine Mann immer wieder in den höchsten Tönen – vielleicht ist das in Aserbaidschan ein Volkssport, aber international ist es eher ungewohnt und kommt meiner Meinung nicht gut an. Ein sehr skurriler Auftritt meiner Meinung nach.
  • Griechenland macht’s ganz cool. Ein meiner Meinung nach gelunger Mix zwischen traditioneller Musik, R’n'B und Pop. Leider musikalisch auch eher Mainstream, aber nicht Ideenlos. Auch dieses Lied geht ins Ohr und bleibt eine Weile dort. Vielleicht ein bisschen zu einfach für so einen Wettbewerb aber generell die richtige Richtung. Der Break ist gut ausgeführt und weckt noch mal auf. Auch wenn danach doch nur wieder das kommt, was man schon kennt, ist es doch eine gelungene Unterbrechung.
  • Der Komiker aus Spanien ist einfach nur komisch. Auch wenn ich den Beitrag eher als Comedyeinlage abtun würde, so ist er doch musikalisch zumindest von dem Grundbeat her gar nicht schlecht. Aber auch hier wieder das gleiche Problem: Der Song wird ziemlich schnell langweilig.
  • Serbiens Song leiert von der Musik her schon. Leider passt sich die Stimme dem immer wieder an. Dem Lied fehlt es insgesamt an Spannung. Es ist die ganze Zeit einfach ruhig. Für einen Wettbewerb eher ungeeignet. Musikalisch trotzdem interessant umgesetzt.
  • Russland geht voll auf Pop & R’n'B Mix. Außer, dass der Song insgesamt etwas übertrieben in jeglicher Hinsicht ist (auch Bühnentechnisch) ist er grundsätzlich erst mal nicht schlecht. Der Sänger weiß, was er tut.
  • Norwegen hat einfach viele hübsche Frauen… Aber das tut hier erst mal nichts zur Sache. Schön, dass die was eigenes mithaben, was ganz nicht so Mainstream ist. Musikalisch ist die Umsetzung sehr gut gelungen und die Sängerinnen und Sänger treffen ihre Töne, so entsteht ein schöner Gesamtklang, der wirklich Wettbewerbstauglich ist. Wenn mehr Beiträge dieser Qualität enthalten wären, hätte das anhören insgesamt mehr Freude gemacht. Zum Ende hin könnte der Song etwas Ideenreicher sein, dennoch sehr gut.

Damit habe ich mir nun alle 25 Songs angehört. Grund dieser ganzen Geschichte war ja der letzte Platz, den Deutschland belegt hat. Nachdem ich nun alles gehört habe, muss ich sagen, dass der letzte Platz zurecht an Deutschland geht. Es handelt sich immerhin um einen Musikwettbewerb und musikalisch waren die No Angels sicherlich am schlechtesten. Das kann sicher technische Gründe habe, aber darüber wissen wir halt nichts.

Schade dass einige meiner Meinung nach musikalisch interessante Beiträge auf den hinteren Plätzen landen. Es gehört halt leider nicht nur ein gutes Lied zum Gewinn, sondern auch eine gute Show.

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Ein Gedanke zu “Eurovision Song Contest 2008

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